Stirbt eine Sprache aus, geht eine Kultur verloren

Gegenwärtig werden auf der Erde über 5000 verschiedene Sprachen gesprochen. Jede zweite Woche stirbt eine aus. Sprechen wir in hundert Jahren nur noch Englisch?

Im 10. Jahrtausend vor Christus gab es laut dem Linguisten Michael E. Kraus die grösste Sprachdiversität. Seither geht die Zahl der gesprochenen Sprachen immer schneller zurück. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

Kolonialisierung/Völkermord





Während der europäischen Kolonialzeit wurden viele indigene Sprachen verdrängt: in Australien und Nordamerika durch die englische Sprache, in Südamerika durch das Spanische und Portugiesische und in Afrika durch andere europäische Sprachen wie Französisch, Italienisch und Niederländisch.

Eine Volksgruppe ist gezwungen, sich in eine grössere und mächtigere Volksgruppe zu integrieren


Beispiel Grönland: Dort spricht die indigene Bevölkerung Kalaallisut; parallel dazu lernt sie aber Dänisch, da Grönland ein autonomer Bestandteil Dänemarks ist. Dänisch ist die sogenannte Verkehrssprache Grönlands, in der sich die gesamte Bevölkerung verständigen kann.

Viele Sprachen gibt es nur in mündlicher Form




Sprachen, die nie schriftlich dokumentiert wurden, gehen verloren, sobald sie niemand mehr spricht. Durch die fehlende Dokumentation können sie später auch nicht mehr rekonstruiert oder aktiv gelernt werden.

Viele der heute gefährdeten Sprachen werden nur noch von einigen Tausend Menschen gesprochen, die oft über 60 Jahre alt sind. Tofa, eine Sprache in Zentralsibirien, beherrschen nur noch ca. 25 Personen. Aka-Bo, eine in Indien gesprochene Sprache, ist 2010 ausgestorben.

Stirbt eine Sprache aus, geht auch ein Grossteil der jeweiligen Kultur verloren: die Geschichte eines Volkes, seine Philosophie, Gebete, Mythologie, Zeremonien, Gedichte, Begrüssungs- und Verabschiedungsformen, Gesprächs- und Verhaltensweisen, Humor, die Art mit Kindern zu sprechen, Gewohnheiten und Gefühle. All diese Dinge müssen nun in einer anderen Sprache ausgedrückt werden – mit anderen Wörtern, Lauten und einer anderen Grammatik. Während dieses Prozesses verschwinden viele Traditionen und werden durch die kulturellen Gepflogenheiten der neuen Gemeinschaft ersetzt.

Über viele Jahrhunderte hinweg können sich aber auch komplett neue Sprachen bilden. So sind aus verschiedenen Dialekten des Lateins die romanischen Sprachen entstanden. Viele Sprachen und die damit verbundene Kultur haben sich seit Beginn der Menschheit weiterentwickelt.

Sollte Englisch tatsächlich eines Tages die Weltsprache werden, würde es vermutlich Zehntausende von Jahren dauern, bis auch nur eine annährend ähnliche kulturelle Diversität vorhanden wäre, wie wir sie heute haben.

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