«Marathon-Massenstart ist wie Tetris spielen»

Die blinde Chantal Cavin (41) ist Projektleiterin im Nachwuchsbereich bei PluSport. Die multitalentierte Sportlerin aus Bern erzählt von Rückschritten und Neuanfängen, vom Google-Translator und ihrer Art der Kommunikation.

«Lache nie über jemanden, der einen Schritt zurück macht – er könnte Anlauf nehmen». Mit diesem Satz wirst du auf der Webseite von PluSport als Botschafterin vorgestellt. Wie bist du darauf gekommen?

CC: In meinem Leben hat es verschiedene Veränderungen gegeben, und ich musste immer wieder neu anfangen. Ich war 14 und betrieb Judo, als mich ein Sportunfall - ich fiel auf den Hinterkopf -  erblinden liess. Danach war ich viele Jahre im Schwimmsport aktiv; damit hörte ich nach den Paralympics 2012 in London auf. Ich habe fünf Mal den Ironman-Triathlon absolviert, fand aber wegen einer Regeländerung als Blinde keinen Guide mehr. Also bin ich an einem Marathon angetreten und bei meiner Premiere gleich eine Zeit von 3:16 Stunden gelaufen. Das hatte ich so nicht erwartet. Seitdem betreibe ich seriös Laufsport. Trotz Veränderungen und Rückschritten im Leben bieten sich einmal immer wieder auch Chancen, von vorne zu beginnen.

Du bist ein sportliches Multi-Talent. Du warst eine Weltklasse-Schwimmerin, hast Triathlons bestritten und bist aktuell Marathonläuferin. Bist du auch sprachlich so gewandt?

CC: Nein, leider nicht. Sprachen sind überhaupt nicht meine Domäne. Ich kann etwas Schulfranzösisch, und das ist auch fast noch besser als mein Englisch. Für Übersetzungen brauche ich den Google-Translator – und das ist nicht ganz dasselbe Niveau wie bei Syntax.

Wie läuft ein Marathon für dich ab? Was nimmst du gut wahr, was blendest du aus?

CC: Während eines Marathons bin ich sehr mit mir selbst beschäftigt; ich muss mental immer bereit sein für die Infos, die ich von meinem Guide bekomme. Manchmal höre ich die Schritte der Läufer vor mir und kann bereits die richtige Richtung einschlagen, bevor es der Guide mir sagt. Eine gute Stimmung der Strecke entlang macht natürlich Spass, ist manchmal aber auch nicht so einfach. Wir hatten einmal eine Guggenmusik, die am Strassenrand spielte, danach hätte ich nach links abbiegen müssen. Die Anweisung des Guides habe ich wegen der lauten Musik aber nicht gehört. Deshalb setzt ein guter Guide die Lärmquelle auch als Anhaltspunkt ein: «Nach der Guggenmusik links.» Ich brauche nach einer Anweisung ja auch noch etwa zwei Sekunden Reaktionszeit. Ein Massenstart ist auch eine grosse Herausforderung, da ich keine Chance habe einzuschätzen, wie das Feld reagiert. Ein Massenstart ist wie Tetris spielen: Man muss stets eine gute Platzierung finden.

Was bedeutet für dich Kommunikation?

CC: Man muss sich verstehen, egal in welcher Sprache. Kommunikation ist für mich schon wichtig. Blinde kommunizieren anders als Sehende, weil sie ihr Gegenüber nicht sehen. Auch mit dem Handy kann ich viel kommunizieren und mich dabei auch informieren. Ich habe eine Sprachausgabe, und mein Smartphone liest mir alles vor. Ich bezeichne mich selbst auch als Handy-Zombie. Ich bin nicht weniger am Handy, nur weil ich blind bin. Ich merke am Bahnhof aber manchmal, dass andere Leute vermehrt mit mir zusammenstossen. Die Aufmerksamkeit ist wohl etwas geringer geworden, weil viel auf den Bildschirm geschaut wird.

Wie schnell machst du dir ein Bild von einer Person, die mit dir kommuniziert?

CC: Vor dem Zürich Marathon im Frühling habe ich viele Interviews gegeben. Wenn es um die Presse geht, beschäftige ich mich nicht mit meinem Gegenüber, sondern versuche, die Fragen möglichst kompetent zu beantworten. Anders ist es, wenn ich jemanden regelmässig treffe. Dann analysiere ich dessen Ausdrucksweise: Braucht er sensible Wörter? Oder ist er eher sachlich? Die Wortwahl der Person wirkt als Erstes auf mich. Ein virtuelles Bild einer Person mache ich mir selten. Wenn mich aber zum Beispiel jemand die Treppe hinaufführt und dabei wie ein Pferd schnauft, dann handelt es sich wohl um eine etwas schwerere Person. Ich merke das auch am Oberarm eines Menschen. Es gibt sogar einige, die ihren Arm fest anspannen, wenn sie mich leiten, damit ich nicht auf ihr Gewicht schliessen kann. Das ist doch verrückt. Es ist, als würde ein Sehender während eines Gesprächs die ganze Zeit den Bauch einziehen.

Neben deiner sportlichen Tätigkeit hältst du auch Referate zum Thema «Zusammen sind wir stärker». Wie sind jeweils die Feedbacks darauf?

CC: Die Feedbacks sind positiv. Ich halte inzwischen einige Vorträge pro Jahr, auch vor grossen Firmen. Bei einem Anlass im Berner Kursaal sind sogar alle aufgestanden und haben applaudiert. Das hat mich sehr gefreut, aber auch verlegen gemacht. Es wird wohl kein allzu schlechter Vortrag gewesen sein.

Ausserdem arbeitest du bei Maru Dojo und bist Botschafterin bei PluSport. Was machst du in dieser Funktion?

CC: Inzwischen bin ich auch Nachwuchs-Projektleiterin bei PluSport in einem 20-Prozent-Pensum. Ich gehe zum Beispiel an die Uni und mache Werbung bei Sportstudenten. Ziel wäre es, dass Kinder mit einer Behinderung nicht vom Turnunterricht dispensiert, sondern integriert werden. Ich frage auch bei Veranstaltungen an, ob sie sich einen integrativen Wettkampf vorstellen könnten. Ich bin da erst seit dem Sommer dran, aber wir konnten schon den Gurten-CLASSIC, den Emmenlauf und den Bantiger Triathlon für uns gewinnen.

Inklusion ist ein Thema, mit dem sich die Gesellschaft weiterhin schwertut. Wie sieht deine Lösung aus?

CC: Schon als Einzelperson kann man viel machen, und im Alltag kann jeder einer behinderten Person ohne grossen Aufwand helfen. Es gilt auch, Vorurteile abzubauen. Einmal hat mich im Tram jemand angesprochen und dann laut gefragt: «Haben Sie eigentlich einen Job?» Offen sein ist ja gut, aber was, wenn ich keinen Job gehabt hätte? Vor allen Leuten möchte das ja niemand zugeben müssen.

Für das Selbstbewusstsein ist es ein gutes Gefühl, sein eigenes Geld verdienen zu können. Der Sport hat mir dabei sicherlich geholfen, aber um einen Job zu finden, braucht es auch Glück. In der Schule müssen Lehrer für Inklusion offen sein und keine Angst davor haben. Für den Schritt in die Arbeitswelt braucht es immer jemanden, der mutig ist und sagt: «Komm, wir probieren das jetzt!»

 

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